„Klar kannst du Mathe!“


Katharina Siemann und Marie Weich sind Teil des feministischen Performancekollektivs hannsjana. Sie erschließen sich wissenschaftliche Themen und teilen ihr Wissen seit 2011 humorvoll und musikalisch mit ihrem Publikum. Am 29. Mai 2021 zeigen sie beim Performing Arts Festival Berlin live „Die große M.I.N.T.-Show“ auf Zoom. Ein Gespräch über Naturwissenschaften auf der Bühne, empowernde Showmasterinnen und feministische Ästhetik.

von Ella Vandré

Viele Menschen rund ums Theater sind absichtlich in die Geisteswissenschaften gegangen, um M.I.N.T. – Mathe, Informatik, Naturwissenschaft, Technik – zu entfliehen. Warum sollten sie sich eure Show trotzdem anschauen?

Katharina: Es war tatsächlich unser Ausgangspunkt, dass wir andere Stoffe für das Theater inszenieren und erlebbar machen möchten – vor allem Inhalte, mit denen wir uns selbst noch gar nicht richtig auseinandergesetzt haben und von denen wir bei der Arbeit noch etwas lernen können.

Marie: Für uns ist es immer reizvoll, uns Wissen anzueignen und dann dem Publikum zugänglich zu machen. Beim Theater braucht man sich keine Illusion zu machen: Die meisten Leute im Publikum kommen nicht aus einer naturwissenschaftlichen Ecke. Genau das kann spannende Fragen aufwerfen. In dem Ansatz, wie wir uns mit den M.I.N.T.-Fächern auseinandersetzen, steckt auch der sozialwissenschaftliche Hintergrund.


Wie bereitet ihr euch inhaltlich auf naturwissenschaftliche Themen vor?

Katharina: Bei der M.I.N.T.-Show war das eine ziemlich luxuriöse Situation, weil wir Teil des Netzwerks der „Freischwimmer:innen“ waren. Das war total toll! Dadurch hatten wir zwei Residenzen: einmal im „brut Wien“ und einmal in der „Gessnerallee Zürich“. Wir haben diese Wochen unter verschiedene Mottos gestellt. In Wien wollten wir uns ausschließlich mit dem „I“ beschäftigen, mit Informatik. Wir hatten das Gefühl, dass es damit vielleicht am schwierigsten ist, etwas für die Bühne zu schaffen. Deshalb haben wir uns zwei Wochen genommen, um frei zu recherchieren und haben uns an der Uni getroffen mit einem Informatiker oder mit einer feministischen Hackerin.

Marie: Dann waren wir noch im Naturkundemuseum in Wien und haben uns Vermittlungsformen angeschaut. Das ist ja eine wichtige Frage für uns: Wie wird Naturwissenschaft in Szene gesetzt?

Katharina: Außerdem haben wir jemanden getroffen, der mit uns ins Darknet gegangen ist.

Marie: Letztendlich ist vieles gar nicht mit in die Show gekommen. Es ist sehr typisch für unsere Arbeitsweise, dass wir sehr viel recherchieren, versuchen Sachen zu durchdringen und sie dann zu übersetzen.


Ihr seid mit der M.I.N.T.-Show 2019 schon vor Live-Publikum aufgetreten. Hatte das „I“ eure Umwandlung in die Online-Produktion besonders beeinflusst?

Marie: Ich persönlich habe ein größeres Selbstvertrauen bekommen, gerade was informatische und technische Prozesse angeht. Ich war sehr zuversichtlich, dass wir die M.I.N.T.-Show in ein Online-Format übersetzen können und dass wir durch ein bisschen Recherche auch selbst darauf kommen können, wie man Szenen gut umsetzen kann. Das „I“, die Informatik, bildet in unserer Inszenierung einen Rahmen. In der M.I.N.T.-Show werden Dinge live im Raum programmiert. Das macht die Übersetzung gar nicht so einfach. Die Behauptung ist, dass allem, was auf der Bühne passiert, ein Code zugrunde liegt. Dadurch dass wir das jetzt in einem virtuellen Raum machen, in dem tatsächlich allem ein Code zugrunde liegt, kommt es plötzlich zu einer komischen Dopplung, die den Effekt ein bisschen schwächt. Natürlich hat das auch irgendwo Potenziale. Aber tatsächlich ist die Situation jetzt ein bisschen zu sehr Eins-zu-Eins.


Also geht mehr verloren, als dass neue Möglichkeiten eröffnet werden?

Marie: Speziell für das „I“ vielleicht. Aber für andere Sachen gibt es eben andere Entsprechungen. Nach einem Jahr Online-Theater muss man sich das nicht mehr vormachen, glaube ich; es ist einfach etwas ganz anderes. Wir haben uns überlegt, wie wir in die Form des Zoom-Meetings – die wir inzwischen alle sehr gut kennen und von der wir vielleicht auch ein bisschen genervt sind – Momente reinbringen können, die das Bekannte irritieren. Wir versuchen diese Form künstlerisch werden zu lassen und poetische oder lustige Momente reinzubringen.

Katharina: Genau. Wir probieren gar nicht, einen Stream zu machen und Filmsettings zu bauen, sondern möchten, dass es nach Zoom aussieht. Ich glaube, das Schönste daran ist, dass es diese Alltagsästhetik aufgreift und erweitert.
 

Marie, du machst die Masken, die schon zu eurem Markenzeichen geworden sind. Warum Tierköpfe?

Marie: Angefangen haben wir mit Audio-Walks im Museum. Ein Museum ist ja ein eher elitärer Raum. Schnell hat man das Gefühl, ich pass hier nicht rein. Deshalb haben wir diese Stellvertreter:innen als Tiere eingeführt, die auch nicht so richtig reinpassen, so dass man selbst nicht der größte Fremdkörper im Raum ist. Das funktioniert auch gut für Kinder, wenn sie vielleicht inhaltlich nicht so genau mitkommen. Zugleich haben die Masken etwas damit zu tun, dass wir immer versucht haben, Entsprechungen für eine feministische Ästhetik zu finden.
 

Inwiefern?

Marie: Wir wollen nicht nur feministisch politische Aussagen treffen, sondern suchen auch danach, wie sich Feminismus ästhetisch umsetzen lässt. Dafür haben wir uns ein bisschen von Donna Haraways „Cyborg Manifesto“ https://en.wikipedia.org/wiki/A_Cyborg_Manifesto inspirieren lassen. Es geht um die Überlegung, einen Körper zu irritieren: durch einen menschlichen Körper mit tierischem Kopf oder mit Gemüse. Oder im Fall der M.I.N.T.-Show mit Buchstaben. Dadurch entsteht etwas Neues, das ein gequeerter Körper ist, in dem eine eigene Irritation mitschwingt – auf eine analoge Art und Weise.


Ihr beschäftigt euch mit sogenannten Männerdomänen. Ist die Show gelungen, wenn danach alle Zuschauerinnen M.I.N.T.-Fächer studieren wollen?

Marie: Unser Publikum ist ja tendenziell etwas älter, deshalb glaube ich nicht, dass die dadurch nochmal ein Studium aufgreifen. Aber es gibt trotzdem Momente, in denen man sich empowert fühlen kann. Das habe ich zumindest im Rechercheprozess erlebt. Es kann vor allem auch Frauen empowern, uns als Showmasterinnen zu sehen, die kompetent in diesen Bereichen sind – wobei eben auch klar ist, dass wir uns das Wissen selbst angeeignet haben.

Katharina: Männer trauen sich oft eher, Expert:innentum in einem bestimmten Thema zu performen. In den M.I.N.T.-Fächern finde ich es wirklich extrem, wie viele Frauen auch jetzt noch sagen „Oh nee, das ist mit Mathe, das kann ich gar nicht“. Doch, das kannst du auf jeden Fall! Man muss nicht in jedem Thema promoviert haben, um dazu lebensnah mitreden oder auch einfach etwas verstehen zu können. Es ist auch nicht schlimm, wenn man etwas nicht kann. Aber ich habe das Gefühl, wie man sich selbst vertraut und Wissen performt, unterscheidet sich schon noch sehr nach sozialem Geschlecht.


Warum ist es so wichtig für euch, M.I.N.T. auf die Bühne zu bringen?

Katharina: Ein Ziel ist für uns, dass man erkennt, wie spektakulär, schön und glamourös die M.I.N.T.-Fächer sind, und dass sich Theater auch solchen Themen widmen kann, die nicht geisteswissenschaftlich sind. In diesen Wissenschaften gibt es auch viel Potenzial für Show. Viele Phänomene sind sehr schön zu inszenieren und zu erforschen. Wie sich die Naturwissenschaften begründet und herauskristallisiert haben, hatte auch immer ganz viel mit Spektakelhaftigkeit zu tun. Das versuchen wir in unserer Show herauszukitzeln.